Werke        2013

Wie schon drei ihrer Vorgängerinnen steht auch die 10. Kronacher Klassik AKADEMIE unter einem Motto, und nach den Länderschwerpunkten Ungarn (2009) und Russland (2012) mag es schon fast ein wenig einfallslos erscheinen, wenn in diesem Jahr erneut eine Nationalität als Kriterium für die Programmzusammenstellung dient. Vielleicht fragt sich auch der eine oder andere kritische Beobachter, inwiefern eine Musik überhaupt "national" sein kann. Ist sie denn nicht die Sprache jener innersten seelischen Bewegungen, die allen Menschen dieses Planeten gemeinsam sind? Wäre dieser romantische Gedanke wahr, dann würde diese Sprache aber wohl in den unterschiedlichsten Akzenten gesprochen. Unweigerlich hinterlässt doch die kulturelle Identität eines Komponisten ihre Spuren in seiner Musik, und glaubt man an die Existenz regionaler oder nationaler Mentalitäten, so darf man auch nach ihren Einflüssen auf die Denkungsart eines komponierenden Individuums fahnden. Insofern sei es erlaubt, heute die Frage nach den speziell französischen Charakterzügen zu stellen, die den roten Faden zwischen den Werken unseres Programms spinnen.

Schon nach kurzer Suche kommen mir dabei drei Begriffe in den Sinn, die die deutsche Sprache (vielleicht nicht ganz zufällig) aus dem Französischen entlehnt hat: "Flair", "Esprit" und "Nonchalance". Bei "Flair" denke ich sogleich an eine besondere Atmosphäre der Sinnlichkeit und des Dufts, an ein geheimnisvolles Rauschen und Glitzern und Wallen und Funkeln, wie es in der Welt der Töne wohl kein anderes Instrument besser als die Harfe hörbar machen kann. Ihrem Klang, dem durch das Fehlen einer systematischen Dämpfungsmechanik immer eine gewisse Unschärfe eigen ist, weil Töne und Harmonien ineinanderfließen wie Farben und Konturen auf einem impressionistischen Gemälde, wohnt der Zauber des Verträumten inne, während ihre eingeschränkte Fähigkeit zur Chromatik die Bildung allzu herber Dissonanzen verhindert und so eine gewisse Milde der Harmonik garantiert. Kein Wunder also, dass die Harfe ihre Blüte im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts zeitgleich mit der impressionistischen Malerei erlebte. Dazu beigetragen hat sicherlich auch der erfolgreiche Harfenvirtuose Adolphe Hasselmans (1845-1912), der berühmte Schüler wie Marcel Tournier, Marcel Grandjany, Henriette Renié und Carlos Salzedo hervorbrachte. Für Hasselmans komponierte Gabriel Pierné, selbst Organist und Schüler von César Franck, 1903 sein spätromantisches Konzertstück op. 39 für Harfe und Orchester.

Nicht nur das besondere Flair einer blumig duftigen Harmonik, sondern auch einen typisch französischen "Esprit" meine ich in den beschwingt pfiffigen Rhythmen und neckischen Staccato-Artikulationen der "Blütenuhr" ("L‘Horloge de Flore") von Jean Françaix zu vernehmen. 1957 hatte John de Lancie, Solo-Oboist des amerikanischen Philadelphia Orchestra, bei ihm ein Oboenkonzert in Auftrag gegeben, und allein die Idee, dafür eine botanische Spielerei als formstiftende Struktur zugrunde zu legen (anstatt auf die bewährte dreisätzige Form zurückzugreifen), zeugt von Françaix' besonderem Witz und geistreichen Originalität. In Anlehnung an den schwedischen Botaniker Carl von Linnè (1707-1778), der eine Reihe von Blumen nach der Tages- oder Nachtstunde ihres Erblühens auf einem Ziffernblatt anordnete, wählte Françaix sieben Blumen aus und wies ihnen einen jeweils eigen instrumentierten Abschnitt seines Oboenkonzertes zu. Die Verbindungen zwischen der Charakteristik der titelgebenden Pflanzen und der sie "vertonenden" Musik nachzuvollziehen, ist dabei gar nicht so einfach, zumal die ausgewählten Blumen aufgrund ihrer babylonisch verworrenen Namensvielfalt nicht ganz eindeutig zu ermitteln sind. So stellt die folgende Zuordnung nur einen unsicheren Versuch dar, der darüber spekulieren lässt, inwieweit Françaix sich von den exotischen Ursprungsgebieten der Pflanzen zur Verwendung ähnlich "exotischer" Stilmittel (5/4-Takt, lateinamerikanische Rhythmen, jazzartige Harmonien etc.) inspirieren ließ:
  Galant de Jour = Cestrum diurnum, Gattung der Hammersträucher, kommt im tropischen Amerika vor
  Cupidone Bleue = "Blaue Rasselblume" aus der Ordnung der Asternartigen, verbreitet in Südwest-Europa und im westlichen Mittelmeergebiet
  Cierge à Grandes Fleurs = Selenicereus grandiflorus, Familie der Kakteengewächse, Trivialname "Königin der Nacht", wächst im Südosten der Vereinigten Staaten, in Mexiko und in der Karibik
  Nyctanthe du Malabar = "Nachtjasmin", Malabar ist eine Region in Indien
  Belle de Nuit = Mirabilis jalapa = "Wunderblume", stammt ursprünglich aus Mittelamerika
  Geranium triste = Pelargonium triste, Familie der Storchschnabelgewächse, kommt aus Südafrika
  Silène Noctiflore = "Acker-Lichtnelke" oder "Nachtnelke", heimisch in den gemäßigten Breiten Europas und Westasiens

"Nonchalant" im Sinne von "unbekümmert" könnte man schließlich das Verhältnis der französischen Musik zur Orgel bezeichnen. Spätestens seit Louis Lefébure-Wély (1817-1869), Vorgänger Charles-Marie Widors als Titular-Organist an St-Sulpice de Paris, verlor der Orgelklang in Frankreich seinen sakralen Ernst durch die Verwendung mondäner Stilelemente aus Salonmusik und Operette, und man liegt wohl nicht ganz daneben, wenn man auch in Widors berühmter Toccata aus der 5. Orgelsinfonie von 1879 Anklänge an eine Musik hört, wie sie damals in den Pariser Vaudeville-Theatern erklungen sein mag: voller Esprit, aber nicht gerade spirituell.

Während im 19. Jahrhundert einerseits weltliche Klänge die Kirchenräume eroberten, wurden andererseits Orgeln in Konzertsäle gebaut. So auch in der St. James’s-Hall in London, wo im Mai 1886 Camille Saint-Saëns seine dritte Symphonie uraufführte, die er im Auftrag der Royal Philharmonic Society komponiert hatte. Im Rückblick sagte er später über sie: "Mit ihr habe ich alles gegeben, was ich geben konnte … Was ich damals schuf – ich könnte es nicht mehr wiederholen". Wirklich bietet allein das Orchester mit den Zusatzinstrumenten Piccoloflöte, Englischhorn, Bassklarinette, Kontrafagott, Tuba, Becken, Triangel, Klavier und Orgel ein immenses Instrumentarium auf. Vermutlich aber bezieht sich die Äußerung mehr noch auf die innere Textur der Komposition, die motivisch extrem dicht, harmonisch weitschweifig und rhythmisch-metrisch teilweise äußerst vertrackt ist. Kein Wunder, dass Saint-Saëns nach der ersten Probe an seinen Verleger schrieb: "Wir haben die Symphonie dechiffriert. Sie ist in der Tat furchtbar. Ich hatte Recht. Glücklicherweise habe ich es mit einem Orchester allererster Klasse zu tun." Ungewöhnlich ist die äußere Zweisätzigkeit der Anlage, die daher rührt, dass erster und zweiter Satz sowie dritter und vierter jeweils ineinander übergehen. Alle Teile des Werks durchzieht ein kleinschrittiges Motiv, das an den Anfang der gregorianischen "Dies Irae"-Melodie aus der lateinischen Totenmesse erinnert und im Verlauf der Symphonie verschiedene Wandlungen erfährt. Nach etlichen Verwicklungen erstrahlt es schließlich, begleitet von Blechbläserfanfaren, als triumphaler Choral in C-Dur. Während Saint-Saëns selbst diese Themengestalt zur Grundlage einer großen Schlussfuge machte, adaptierte sie der australische Komponist Nigel Westlake 1995 nonchalant für die Musik zu dem wunderbaren Film "Ein Schweinchen namens Babe" – übrigens mit einer gehörigen Portion Esprit und Flair ...

BMS


Start  KKA’15  KKA’14  KKA’13  KKA’12  KKA’11  KKA’10  KKA’09  KKA’08  KKA’07  KKA’06  KKA’05  KKA’04  Kontakt

Kronacher Klassik AKADEMIE

initiiert vonKRONACH Creativ
in Zusammenarbeit mit
Berufsfachschule für Musik Oberfranken, Sing- und Musikschule im Landkreis Kronach, Maximilian-von-Welsch-Schule Kronach und Frankenwald-Gymnasium

ausgezeichnet mit dem
Kultur-Förderpreis des Landkreises Kronach

Mitglied im BDLO Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester e. V.

Schirmherr:
Axel Kober, GMD der Deutschen Oper am Rhein

in memoriam Burghard Fussek (1942-1999)

Besuchen Sie uns auf Facebook