kka_text Werke        2011

"Sie leiden, sie sterben, und sie singen noch dabei.
Den Heldinnen in der  Oper, Isolde oder Lulu,
Carmen oder Turandot, wird in der Regel übel mitgespielt,
ihr Unglück ist für uns Erlebnis großer Musik."

Mit diesen Worten wirbt der Klappentext für Catherine Cléments faszinierendes Buch "Die Frau in der Oper. Besiegt, verraten und verkauft", aus dem ich gerne mehr zitiert hätte, gäbe es nicht gerade schon genug Plagiats-Affairen, die die deutsche Öffentlichkeit erschüttern ... Eine ganze Weile nach Abschluss der Programmplanung erst ist mir bewusst geworden, dass die Stücke, die wir für die heutigen Konzerte aus mehr oder weniger berühmten Opern des 19. Jahrhunderts zusammengestellt haben, ausnahmslos um weibliche Opernfiguren kreisen. Nun mag das vielleicht einfach daran liegen, dass wir ja auch nur weibliche Solisten verpflichtet haben. Möglicherweise aber hat es am Ende auch damit zu tun, dass die Leidenschaftlichkeit, mit der Frauen uns ihre Emotionen mitzuteilen pflegen, einfach bühnenwirksamer ist als der typisch männliche Unwille, über Gefühle zu reden? Doch bevor wir uns noch in Klischees darüber verstricken, warum Heldentenöre nicht zuhören und Koloratursoprane schlecht einparken, werfen wir lieber einen Blick auf die Figuren des heutigen Konzerts:

Da wäre zunächst einmal LEONORE, die ihr Geschlecht unter Männerkleidern verbirgt und sich "Fidelio" nennt, um sich als Gehilfe eines Kerkermeisters zu verdingen und so einen Weg zu ihrem Gatten Florestan zu finden, der als politischer Häftling gefangen gehalten wird. Ihre Treue und Liebe überwinden Unrecht und Hoffnungslosigkeit und retten so Florestan das Leben. Wieviel Idealismus, Zärtlichkeit und Begeisterung klingen doch schon in der Ouvertüre an!

Ebenfalls auf der Suche nach ihrem Geliebten, Lindoro, befindet sich ISABELLA, die jedoch – ganz anders als Leonore – ihre Weiblichkeit nicht versteckt, sondern vielmehr raffiniert einzusetzen weiß. Durch einen Schiffbruch an der algerischen Küste gestrandet, wird sie von Piraten gefangen genommen, die sie ihrem Herrscher Mustafa als "Leckerbissen" zuführen wollen (der nämlich hat seine Gattin Elvira satt und lechzt stattdessen nach einer rassigen Italienerin, während er Elvira entsorgen will, indem er sie mit einem seiner Sklaven verheiratet – eben jenem Lindoro, nach dem Isabella sucht). Doch Isabella kennt die Männer und weiß, wie man durch einen einzigen Seufzer aus einem groben Piraten einen braven Matrosen macht ...

Auch ROSINA hat eine Strategie, um ihren Willen durchzusetzen: gefügig scheinen, aber hintenherum doch die Strippen ziehen. Natürlich lässt sie viel lieber den jungen "Lindoro" (noch einer ...) an sich heran, als eine Ehe mit ihrem ältlichen Vormund Dr. Bartolo einzugehen (der es ja eigentlich auch nur auf ihr Erbe abgesehen hat). Nach allerlei Verkleidungspossen und Ränkespielen ("Lindoro" ist nämlich in Wirklichkeit Graf Almaviva und operiert mit tatkräftiger Unterstützung des ortsansässigen Friseurs), wird diese Rechnung schließlich auch aufgehen ...

Von den ungleichen Schwestern Olga und Tanja ist OLGA die heitere, lebenslustige, während Tanja eher zur Melancholie neigt. Als eine Schar Landleute an ihrem Garten vorbeizieht, lässt sich Tanja von deren Gesang in realitätsferne Träumereien entführen, während es Olga bloß in den Füßen juckt. Was der Zuschauer in diesem Moment noch nicht ahnen kann: Tanjas unerwiderte Gefühle für den skrupellosen Dandy Eugen werden der Oper einen tragischen Verlauf bescheren, der Olgas Bräutigam das Leben kosten soll ...

Hoffnungslos und verzweifelt betritt noch eine LEONORA die Rampe (und allmählich könnte der Eindruck entstehen, dass Opernlibrettisten bei der Namensfindung für ihre Figuren mehr Ökonomie als Einfallsreichtum walten ließen ...). Nachdem der junge Novize Fernando ihretwegen auf die Priesterweihe verzichtet und stattdessen eine militärische Laufbahn eingeschlagen hat, bittet er den König nach einem siegreichen Feldzug erfolgreich um Leonoras Hand. Er weiß jedoch noch nicht, was ihr nun zentnerschwer auf dem Gewissen lastet: Leonora war zuvor die Favoritin und Kurtisane des Königs ...

Schließlich und endlich begegnet uns in der spanischen Zigeunerin CARMEN eine veritable "femme fatale", die den Männern nicht nur sanft den Kopf verdreht, sondern ihn lieber gleich ganz abreißt. José heißt ihr Opfer und ist Sergeant bei der Armee. Anstatt Carmen aufgrund einer Messerstecherei ordnungsgemäß zu verhaften, lässt er sich von ihr um den kleinen Finger wickeln und in eine Schenke locken. Dort ignoriert er im Liebesrausch den Zapfenstreich und wird zum Outlaw, der sich einer Gruppe Schmuggler anschließen muss. Aber die flatterhafte Carmen hat ja längst schon wieder Feuer für einen anderen Mann gefangen: den erfolgreichen Torero Escamillo. Als sie José kaltschnäuzig abserviert, stößt er ihr in rasender Eifersucht ein Messer in die Brust ...

Zu Carmens glühendsten Verehrern zählte übrigens auch der Philosoph Friedrich Nietzsche, der nach dem Bruch mit Richard Wagner (auch eine bühnenwirksame Story mit pikanten Details ...) darauf verfiel, in Bizets Oper einen überlegenen Gegenentwurf zu Wagners Musikdrama zu preisen. Nach nicht weniger als zwanzig miterlebten Aufführungen der "Carmen" schrieb er, nicht ohne deutlichen Seitenhieb:

"Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht ... Diese Musik ist böse, raffiniert, fatalistisch: sie bleibt dabei populär - sie hat das Raffinement einer Rasse, nicht eines einzelnen. Sie ist reich. Sie ist präzis. Sie baut, organisiert, wird fertig: damit macht sie den Gegensatz zum Polypen in der Musik, zur »unendlichen Melodie«. Hat man je schmerzhaftere tragische Akzente auf der Bühne gehört? Und wie werden dieselben erreicht! Ohne Grimasse! Ohne Falschmünzerei! Ohne die Lüge des großen Stils! - Endlich: diese Musik nimmt den Zuhörer als intelligent, selbst als Musiker ... "

"Selbst als Musiker" nehmen wir Sie, liebes Publikum, heute auch, indem wir Sie herzlich dazu einladen, bei Verdis berühmtem "Gefangenenchor" nicht nur "intelligent zuzuhören", sondern auch leidenschaftlich mitzusingen!

BMS


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