kka_text Werke        2010

Das Programm der 7. Kronacher Klassik AKADEMIE ist zwei großen “Br-s” der romantischen Musik gewidmet. Mit der Symphonik von Johannes Brahms betreten wir mutig eine neue Stufe des spieltechnischen und interpretatorischen Anspruchs, während die Stücke für Solostreicher und Orchester von Max Bruch vor allem für die Solisten eine virtuose Herausforderung darstellen.

“Kol Nidrei” nennt sich der alte hebräische Gesang zum Abendgebet des jüdischen Versöhnungstages “Jom Kippur”. Bruch lernte ihn zusammen mit einigen anderen jüdischen Liedern durch den befreundeten Berliner Oberkantor Abraham Jacob Lichtenstein (1806-1880) kennen und komponierte sein “Kol Nidrei”-Arrangement 1880/81 für den Cellisten Robert Hausmann (der übrigens einige Jahre später zusammen mit Joseph Joachim das Doppelkonzert für Violine und Violoncello von Brahms uraufführen sollte).

Das “Kol Nidrei” des Protestanten Bruch will jedoch keine dezidiert jüdische oder religiöse Musik sein, sondern entspringt vielmehr einer leidenschaftlichen Begeisterung für das Volkslied, das für Bruchs Schaffen zeitlebens eine große Bedeutung hatte. In ihm sah er die Quelle aller wahren Melodik, an der man sich als Komponist immer wieder erneuern und erfrischen könne. So basiert auch seine 1880 vollendete “Schottische Fantasie” zum Großteil auf Volkslied-Melodien:
“Thro' the Wood, Laddie” (Adagio cantabile), “The Dusty Miller” (Allegro), “I'm Doon For Lack o' Johnnie” (Andante sostenuto) und “Scots Wha Hae” (Finale). Mit Violine und Harfe stellte er zudem zwei Instrumente in den Vordergrund, die als “Harp & Fiddle” für die keltische Volksmusik besonders charakteristisch sind.

Zwar treten in Brahms' zweiter Sinfonie keine bekannten Melodien aus dem Volksliedfundus auf, doch meinte nach ihrer Wiener Uraufführung am 30. Dezember 1877 ein Rezensent, im dritten Satz immerhin “Anklänge an Kärtener Volksweisen” gehört zu haben. In der Tat hatte Brahms seine Zweite im Sommer 1877 innerhalb weniger Monate in der idyllischen Atmosphäre des sommerlichen Pörtschach am Wörthersee in Kärnten komponiert, und sein Freund Theodor Billroth, der die Musik vorab in einem vierhändigen Arrangement kennenlernen durfte, assoziierte begeistert: “Das ist ja lauter blauer Himmel, Quellenrieseln, Sonnenschein und kühler Schatten!” Die Umschreibung ihrer Stimmung als “wonnig”, “heiter”, “pastoral” oder “anakreontisch” zieht sich übereinstimmend durch fast sämtliche Stellungnahmen, woran vielleicht auch der überraschend große charakterliche Kontrast zur “faustisch grüblerischen” ersten Sinfonie aus c-Moll nicht ganz unschuldig ist.

Gegenüber der emotionalen Beschreibung ihrer Stimmungsgehalte ist die kognitive Auseinandersetzung mit der kompositorischen Struktur der Musik meist ein wenig in den Hintergrund getreten. Dabei kommt man ja aus dem Staunen kaum noch heraus, wenn man feststellt, dass Brahms den melodischen Gestaltenreichtum seiner Sinfonie fast allein aus einem ganz unscheinbaren dreitönigen Motiv (d-cis-d) heraus entwickelt, das gleich zu Beginn in den tiefen Streichern erklingt. Wie ein Samenkorn entfaltet es von dort aus seine Triebe, die sich zu einem motivischen Beziehungsgeflecht auswachsen, das über den ersten Satz weit hinausreicht. So können auch die Themen des dritten und vierten Satzes direkt als weiterentwickelnde Ableitungen der gleichen Keimzelle gedeutet werden, während sich das Ur-Motiv im zweiten Satz eher im Dickicht der Begleitstimmen versteckt. Dieses ernste Adagio ist mit seiner irritierend labilen Tonalität und Metrik für Spieler und Hörer vielleicht der “schwierigste” und “uneingängigste” Teil der Sinfonie. Aber Brahms ist eben nicht einfach, und die tiefe Schönheit seiner Musik offenbart sich nicht an ihrer Oberfläche.

BMS


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